Soziales Engagement

Erfahrungsbericht Janine W.

Erfahrungsbericht von Janine W.
Stellvertretende Serviceleiterin

Bahnhofsmission in Dortmund

Mein <kurz/wechsel> bei der Dortmunder Bahnhofsmission fand in einer sonnenreichen Woche im Mai statt, so dass mir das Treiben auf den Bahnsteigen nicht ganz so kalt und trist erschien, wie es in den Wintermonaten der Fall sein muss.

Der Bahnhof ist nämlich nicht nur ein Treffpunkt von Reisenden, oder Pendlern auf dem Weg zur Arbeit, sondern auch eine Zufluchtsstelle für Obdachlose. Zentraler Punkt hierfür ist die Bahnhofsmission mit ihren vielen ehrenamtlichen Helfern, die in ihrer gemütlich eingerichteten Station immer ein offenes Ohr und eine Notration in Form von Getränken und belegten Broten für Hilfebedürftige und Obdachlose haben.

Doch die Bahnhofsmission ist viel mehr als die „Suppenküche“ aus damaligen Zeiten. So dient sie, als eine Einrichtung der evangelischen und katholischen Kirche, zudem als Anlaufstelle für Reisende, die Auskünfte oder Begleitung beim Ein-, Aus- oder Umsteigen benötigen. Sie bietet Reisenden in finanzieller Notsituation Hilfe und Aufenthaltsmöglichkeiten und vermittelt ggf. Übernachtungsmöglichkeiten.

Als ich mich für den Kurzwechsel bei der Bahnhofsmission entschied, wollte ich ein Kontrastprogramm zu meinem normalen Arbeitsleben. Ich arbeite gerne in meinem Beruf als kaufmännische Angestellte, in meinem Büro, an meinem Schreibtisch mit all den täglich wiederkehrenden Arbeitsabläufen. Ich wollte jedoch mal über meinen Schreibtischrand hinaus eine andere Seite kennen lernen.

Die Arbeit bei der Bahnhofsmission bereicherte mich um diese Erfahrung. So habe ich während meines ereignisreichen <kurz/wechsels> viele neue Eindrücke gewinnen können. Ich habe Menschen mit Behinderungen sicher zum Zug begleitet; Müttern mit Kinderwagen mit dem Aufzug zu den entsprechenden Gleisen gebracht; Reisenden, die kein Geld für die Weiterfahrt hatten mit einer Fahrkarte ausgeholfen; Hilfsbedürftigen etwas zu Essen zubereitet; Auf den Bahnsteigen Spenden gesammelt und noch vieles mehr getan, was mir das Gefühl gab, aktiv Hilfestellung geleistet zu haben. Eine kleine Leistung mit der man etwas bewegt und wofür man ehrlichen Dank erhält. Ein gutes Gefühl.

Während dieser Woche hatte ich abwechselnd Früh- und Spätschicht immer in einem anderen Team. Pro Schicht sind jeweils vier Mitarbeiter im Einsatz. Ein zweier Team hält sich in der Bahnhofsmission auf und kümmert sich um die Hilfesuchenden, die sich direkt an den Stützpunkt wenden. Das andere Team ist auf dem Bahnhof unterwegs und leistet Hilfe vor Ort wenn Reisende Hilfe beim Fahrkartenkauf benötigen, oder aus Altersgründen oder auf Grund einer Behinderung auf den Bahnsteig geleitet werden möchten. Dies kann spontan erfolgen, oder nach Absprache mit Termin.

Jeden Donnerstag fährt eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission zu den Dortmunder Tafeln und besorgt Nahrungsmittel für die Notversorgung in der Mission. An meinem letzten Arbeitstag fand die monatliche Sammelaktion für Spendengelder statt, auf die die Bahnhofsmission dringend angewiesen ist. Nach vier Stunden sammeln auf den Bahnsteigen war ich durchaus stolz auf den Inhalt in meiner Sammelbüchse.

Auch hatte ich die Möglichkeit andere Institutionen rund um die Dortmunder Innenstadt zu besuchen, die es sich zu Aufgabe gemacht haben, sozial schwächer gestellten Menschen die entsprechende Hilfeleistung zu geben. So besuchte ich eine Männer-Übernachtungsstätte, die Dortmunder Mitternachtsmission, eine Institution, die Opfer von Menschenhandel und Prostitution betreut und verschiedene soziale Einrichtungen, bei denen Hilfsbedürftige kostenlos, oder mit einem sehr geringen Entgelt eine warme Mahlzeit erhalten. Ich staunte über die Vielseitigkeit solcher Institutionen, denn einige lieferten neben der Essensausgabe noch die Möglichkeit zu einer ärztlichen Versorgung, einer Seelsorge oder einer Schuldenberatung. Die meisten dieser Einrichtungen sind in der Dortmunder Nordstadt angesiedelt. Einem sozialen Brennpunkt, wo die Armut noch stärker verbreitet ist, als es mir vorher bewusst war.

Die Arbeit bei der Bahnhofsmission hatte nicht nur schöne Seiten. Es war eine Erfahrung, von der ich froh bin sie gemacht zu haben, doch sieht man bei der Arbeit in dieser sozialen Einrichtung auch die Schattenseiten des Lebens. Man erhält einen Einblick in das Leben von Obdachlosen, von Junkies und Strichern. Von pöbelnden Alkoholikern und auf der Straße Lebenden, die ärztliche Hilfe benötigen, sich aber jeder Versorgung verwehren. Man erfährt von gescheiterten Existenzen und Menschen, die sich nach Jahren auf der Straße aufgegeben haben. In dem Gästebuch, das im Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission ausliegt, liest man von ihren Erfahrungen. Ihren Sorgen und Ängsten, aber auch von Hoffnungen und der Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeitern der Bahnhofsmission, die täglich für sie da sind.

Ich wurde während dieser Woche mit Situationen konfrontiert, von denen ich mir niemals vorstellen kann, sie selbst einmal durchleben zu müssen. Situationen, von denen ich in meinem Leben meilenweit entfernt zu sein scheine. So fiel es mir schwer, die Situation einer Frau nachzuvollziehen, die mit Sack und Pack hunderte von Kilometern zu ihrem Freund nach Dortmund gezogen war und die, als er sie vor die Tür setzte, weder das Geld für ein Rückfahrtticket hatte, noch die Möglichkeit für eine Nacht bei einer Bekannten unter zu kommen. Oder zu verstehen, wie ein Teenager das Leben auf der Straße, dem zu Hause bei den Eltern oder zumindest in einer sozialen Einrichtung vorziehen kann. Oder wie jemand aus geordneten Verhältnissen durch eine Lebenskrise auf der Straße enden kann.

Indem man solche Geschichten hört, oder sie miterlebt, wird man mit einer ganz anderen Facette des Lebens konfrontiert. Einer Facette, die gänzlich unglamourös ist und mit der man sich nicht nur ungern auseinander setzt, sondern die man am liebsten so weit wie möglich von sich schieben möchte. Leichter ist es da, wie viele es machen, betroffen den Blick zu senken, wenn man einem Obdachlosen begegnet, oder gleich die Straßenseite zu wechseln. Nicht so die freiwilligen Helfer der Bahnhofsmission. Sie sind „zur Stelle, wenn das Leben entgleist“. „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“, lautet der Leitspruch der Bahnhofsmission aus Psalm 91,11 und ich durfte miterleben, dass jeder der Mitarbeiter der Bahnhofsmission Dortmund nach diesem Leitspruch handelt. Lieben Dank an Frau Berg und Herrn Reimann, die mich bei der Bahnhofsmission fantastisch betreut und mir viele neue Einblicke gewährt haben. Vielen Dank an alle Mitarbeiter, die mich schnell ins Team integriert haben und mir eine interessante Woche beschert haben. Danke auch an Herrn Rolfsmeier, der mit dem Kurzwechsel ein großartiges Konzept betreut und sich im Vorfeld und auch danach viel Zeit für die Entscheidungsfindung und Nachbereitung genommen hat.

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