Soziales Engagement

Erfahrungsbericht von Gerd Bernecker

Erfahrungsbericht von Gerd Bernecker
Kaufmännischer Leiter

Die Brücke Dortmund e. V.

Nachdem ich die Grundsatzentscheidung für einen Kurzwechsel getroffen hatte, habe ich zusammen mit unserer für soziales Engagement und Personalentwicklung zuständigen Mitarbeiterin überlegt, was der richtige Einsatz für mich sein könnte. Die ersten Ideen wurden aus verschiedenen Gründen wieder verworfen, bis wir auf die Idee kamen, dass „Die Brücke Dortmund e.V.“ eine interessante Anlaufstelle für mich sein könnte.

„Die Brücke“ ist auf diversen Gebieten im Umgang mit Straffälligen und deren Opfern tätig. Schwerpunkte liegen in der Kriminalitätsprävention, der Mediation, also dem Täter-Opfer-Ausgleich (TOA), der Straffälligenhilfe und der Therapie. Daneben gibt es weitere Projekte.

Dieses Tätigkeitsfeld hörte sich für mich direkt spannend an.

Ich bringe aus meiner Vergangenheit keine Berührungspunkte zu Straftätern mit. Wenn ich Geschichten über Gewalt- oder Sexualverbrechen höre, fordere ich sehr schnell immer die höchstmöglichen Strafen und teilweise noch Schlimmeres. Ich denke ständig „Was für Monster!“ und übersehe vielleicht den Menschen hinter diesen Taten.

Mich interessierte, was einen Menschen dazu bringt, anderen Gewalt anzutun. Was muss passieren, damit man Gewalttäter, Vergewaltiger oder sogar Mörder wird? Und was sind das für Menschen? Sind diese Menschen einfach nur böse?

Mindestens genauso interessant war für mich die Frage, was einen Menschen dazu bewegt, Straftätern zu helfen. Warum sucht man sich so einen Beruf aus? Was motiviert einen dazu?

Des Weiteren war für mich als kaufmännischer Leiter eines privatwirtschaftlichen Unternehmens die Frage spannend: Wie finanzieren sich soziale Einrichtungen wie „Die Brücke Dortmund e. V.“? Wie kommen diese Träger an Gelder und wie sicher ist das Einkommen der Mitarbeiter?

In der Woche meines Kurzwechsels, so nehme ich mir vor, werde ich den Tätern offen gegenübertreten und die Vorurteile und die Abneigung, die ich zweifelsohne im Kopf habe, aber auch die Faszination, die ja ebenfalls damit einhergeht, ausblenden, um zu einer neutralen Sichtweise zu gelangen.

Wenn ich die Geschichte einer Gewalttat höre und der Täter sich auch noch darüber freut, könnte es durchaus sein, dass ich mich nicht zurückhalten kann und den Täter verbal attackiere. Ich halte mich allerdings für so rational, dass mir das nicht passieren wird.

Von meinen Bezugspersonen erwarte ich Offenheit, soweit rechtlich zulässig, und dass sie mir über ihre Erfahrungen und vor allen Dingen ihre Beweggründe berichten.

Ich freue mich darauf, etwas kennenzulernen, zu dem ich bisher überhaupt keinen Bezug habe. Das betrifft alle beteiligten Menschen, sowohl die Täter, aber auch die Opfer, und vor allen Dingen die Menschen, die ihr Leben damit verbringen, den beiden anderen Personengruppen zu helfen.

Im besten Fall werde ich lernen, die Straftäter auch als Menschen zu sehen. Gutheißen kann ich die Taten bestimmt nicht, aber vielleicht gelingt es mir, so etwas wie „Mitleid“ auch für die Täter zu empfinden. Von meinen Bezugspersonen werde ich hoffentlich Toleranz, aber auch Distanzierung lernen und die Fähigkeit, sich täglich für eine Arbeit zu motivieren, bei der man mit Straftätern arbeitet.

An meinem ersten Tag begrüßt mich Peter Finkensiep, der Geschäftsführer der „Brücke“. Ich werde heute im Bereich Kriminalprävention in der Dortmunder Nordstadt eingesetzt. Hier werden in dem Projekt „Klarkommen!“ straffällig gewordene Roma-Kinder zwischen 8 und 14 Jahren betreut und es wird versucht, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Leiter des Projekts ist Ingo Schaefer, der mir den ganzen Tag für Fragen und Hilfestellungen zur Verfügung steht.

Mir wird im Gespräch mit Herrn Schaefer schnell klar, dass mir die Problemlage der Roma bisher nicht wirklich bewusst war.

Das Bild, das ich von Roma habe, ist bislang zwiegespalten. Geprägt durch Stereotype habe ich eine gewisse Skepsis. Doch inwiefern ist diese begründet?

Arbeits- und Perspektivlosigkeit in ihrer Heimat vertreibt sie in Länder wie Deutschland, in denen sie jedoch genau das Gleiche erfahren. Auf der Skala der Diskriminierungen steht die Minderheit der Roma weit oben. Auch in der Nordstadt ist die Ablehnung gegenüber Roma spürbar. Keiner kann Roma leiden. Es gibt niemanden, der Plakate hat, auf denen „Roma welcome“ steht. In der Nordstadt achtet keiner auf Drogenhändler, aber wenn ein Roma-Junge Fußball spielt, gibt es sofort Theater. Viele Roma sind so ausgegrenzt, dass es keine Skrupel gibt, sie zu schädigen. Dies wiederum wirkt sich auch auf das Verhalten der Roma aus und entsprechend reagieren sie auf gleiche Weise – ein Teufelskreis.

Mir war auch nicht bekannt, dass Roma keine staatliche Hilfe bekommen. Außer Kindergeld erhalten sie, wenn sie nicht mindestens einen Minijob haben – Aber wie sollen sie den bekommen? – nichts.

Es gibt Fälle, bei denen der Vater ins Gefängnis kommt. Das Kindergeld wird dann direkt einbehalten und die Mutter bekommt kein Geld mehr, hat aber sieben Kinder zu versorgen. Was soll sie machen? Wenn sie klaut und erwischt wird, ist keiner mehr für die Kinder da. Also schickt sie die Kinder zum Klauen, um zu überleben.

Vor diesem Kontext sind die Roma-Kinder, um die ich mich heute kümmern werde, zu betrachten. Das löst bei mir eher Mitleid als Abscheu aus.

Ziel des Projekts „Klarkommen!“ ist es, die Straffälligkeit zu senken und Intensivstraftaten zu vermeiden.

Die ersten zehn Klienten hatten bei Eintritt in das Projekt insgesamt 180 Straftaten begangen. Nach einem Jahr hatten diese zehn Kinder zusammen nur noch fünf Straftaten begangen.

Es ist zu hoffen, dass ein so erfolgreiches Angebot langfristig laufen kann.

Gleich bei meiner Ankunft im Projekt bekomme ich eine Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Schaefer und Roma-Eltern mit. Die Eltern wollen ihren dreizehnjährigen Sohn nach Rumänien zurückschicken, weil er nicht mehr zur Schule geht und ständig Straftaten begeht. Sie sollen 600 € Bußgeld zahlen, die sie nicht haben. Herr Schaefer kann die Eltern davon überzeugen, das nicht zu tun, denn in Rumänien wäre der Junge endgültig verloren. Ein erster Hinweis darauf, dass die Roma Herrn Schaefer vertrauen.

Herr Schaefer kommt ursprünglich aus der Behindertenbetreuung, ist dann zur Kriminalprävention gewechselt und zufällig zu der Betreuung der Roma-Kinder gekommen. Daran hat er jetzt sein Herz verloren. Es gibt sehr viele gute Kinder und „die schlechten“ sind seine Herausforderung. Aber es kommt mehr Gutes als Schlechtes zurück. Er hat das Privileg an die Roma-Community herangekommen zu sein. Das größte Problem sind die Behörden. Diese legen immer wieder Steine in den Weg, wenn es um Formalien wie z. B. Kindergeldanträge geht.

Als Nächstes kommt ein Junge ins Büro, der das Projekt bereits durchlaufen hat. Er trägt ein schneeweißes Hemd und wirkt sehr gepflegt. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Eltern um die Kinder sorgen. Von Verwahrlosung kann keine Rede sein. Der Junge ist sehr eloquent und hat von der Zukunft die gleichen Vorstellungen wie „normale“ Jugendliche: Eine Freundin, Geld verdienen, eine eigene Wohnung, ein Auto... Auf jeden Fall will er ein anderes Leben als sein bisheriges. Er umarmt Herrn Schaefer und die anderen Mitarbeiter und auch mir begegnet er vorurteilslos und gibt mir die Hand.

Das Gleiche habe ich erlebt, als wir einen Spaziergang durch den heruntergekommensten Teil der Nordstadt gemacht haben. Menschen, um die ich normalerweise einen Bogen von mindestens 10 Metern machen würde, gaben mir die Hand und ich ihnen. Die Sozialarbeiter kannten alle und wurden von allen umarmt. Schon ein komisches Gefühl. Ich habe gesehen, in welchen Verhältnissen der Junge mit dem weißen Hemd wohnt. Ein nach Fäkalien stinkender Hausflur, überall Müll vor der Tür, abends setzen sich Junkies im Keller Spritzen, aber in den Wohnungen kann man laut Herrn Schaefer vom Fußboden essen. Es ist eigentlich ein Wunder, wenn man in solch schwierigen Verhältnissen nicht kriminell wird.

Ich habe mit den Roma-Kindern gespielt und mich mit ihnen unterhalten. Da ich Erfahrung im Umgang mit Flüchtlings-Kindern habe, war das nicht ganz neu für mich. Es stellte sich heraus, dass es eben Kinder sind, so wie Kinder nun mal sind. Mit den gleichen Bedürfnissen wie meine eigenen Kinder. Nur dass sie die meisten Bedürfnisse nicht erfüllt bekommen.

Die Sozialarbeiter sind sehr engagiert und die Kinder lieben sie, wobei ich nicht weiß, ob das so ist, obwohl sie so streng sind oder weil sie so streng sind.

Die Sozialarbeiter sehen die Kinder als Klienten. Sie vergleichen das mit einem Kunden bei der Bank. Das Verbrechen ist immer nur ein Teil des Menschen. Auch Menschen, die Straftaten begehen, haben eine gute Seite. Dass aus den Kindern überhaupt etwas werden kann, ist kaum vorstellbar, bei den Verhältnissen in denen sie leben.

Bei mir ist heute auf jeden Fall nochmal das Bewusstsein dafür geschärft worden, anderen Menschen vorurteilsfrei zu begegnen und immer den Menschen zu sehen, unabhängig von dem, was er getan hat.

Der zweite Tag startet mit der Teilnahme am Arbeitskreis 78 „Hilfe bei sexueller Gewalt“.

In diesem Arbeitskreis stellt Franz Bergschneider, einer der Mitbegründer „Der Brücke“ und heutiger Abteilungsleiter des Bereichs Mediation, den „Täter-Opfer-Ausgleich aus der Haft heraus“ vor. Dies ist ein Pilot-Projekt unter anderem mit der JVA in Schwerte-Ergste, bei dem es darum geht, dass ein inhaftierter Täter und sein Opfer zueinanderfinden.

Offensichtlich haben viele Täter in Haft großes Interesse an einem Täter-Opfer-Ausgleich. Kritisch gesehen kann das als der Versuch interpretiert werden, die Haftstrafe zu verkürzen. Die Erfahrung der Sozialarbeiter ist aber, dass mehr der aufrichtige Wunsch nach Entschuldigung und der Verarbeitung der Straftat dahinter steckt.

Andererseits besteht auch bei den Opfern großer Redebedarf. Hier werden Formulierungen benutzt, wie „Als Opfer habe ich das Recht mit dem Täter zu sprechen“ und: „Ich will dem Täter in die Augen schauen“.

Das Projekt hört sich aus meiner Sicht sehr sinnvoll an, da anscheinend häufig beide Seiten ein Bedürfnis danach haben. Umso erstaunlicher ist es, dass vom Land NRW für dieses Projekt gerade einmal 39.500 € bereitgestellt wurden. Bei fünf Mitarbeitern, die involviert sind, stellt sich natürlich direkt die Frage: Wie kann sich das tragen? Und zum ersten Mal bekomme ich eine Vorstellung davon, wie schwierig die finanzielle Situation in „Der Brücke“ sein muss.

Als nächstes komme ich in einen anderen Bereich, vor dem es mir am meisten graut. Es geht um die Therapie von Sexualdelinquenten. Ich werde an einer Gruppensitzung mit Pädophilen teilnehmen.

Darauf bereiten mich Lydia Benecke und Sascha Finner, beides Psychotherapeuten, mit viel theoretischem Background vor. Ich erfahre, was es alles für verschiedene Typen von Sexualstraftätern gibt und was die Motive sind.

Erschreckend ist für mich, dass sich statistisch gesehen mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit auch in meinem Umfeld, also Familie, Freunde oder Arbeit, ein Pädophiler befindet. Kenne ich solche Menschen?

Interessant ist auch, dass das, was ich unter Vergewaltigung verstehe, nämlich dass ein Fremder einer Frau im dunklen Park auflauert, extrem selten vorkommt. Bei fast allen Vergewaltigungen kennen sich Täter und Opfer bereits im Vorfeld, meist aus der Familie oder dem Freundeskreis. Das hat, ich kann nicht genau erklären warum, etwas Beruhigendes für mich. Sind meine Töchter dann vielleicht sicherer?

Mich bewegt die Frage, warum man Menschen hilft, die Sexualstraftaten begehen.

Die Antwort ist für mich etwas unerwartet: Das Hauptmotiv ist, andere potentielle Opfer schützen zu wollen. Ich hatte im Vorfeld eher vermutet, dass aus dem Täter ein besserer Mensch gemacht werden soll. Dies gehört nur zweitrangig dazu. Als Therapeut kann man nicht nur das „Monster“, sondern man muss auch den Menschen sehen. Man kann Menschen mit krankhaften Fantasien und Gelüsten nicht heilen, sondern sie können lediglich lernen, diese durch die Therapie zu kontrollieren. Straftäter können intelligent sein, aber die Emotionen siegen. So wie ein Raucher, der weiß, dass es ungesund ist, trotzdem raucht. Schön fand ich den Hinweis von Herrn Fenner, der sich an Mahatma Gandhi orientiert: „Hate the sin, love the sinner“.

Zu meiner Enttäuschung konnte ich dann an der Gruppen-Therapiesitzung nicht teilnehmen. Da es sich gerade bei Pädophilen um eine sehr sensible Tätergruppe handelt, die weiß, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und sie deshalb natürlich meidet, kann man nicht einfach als Fremder an so einer Sitzung teilnehmen. Dies muss vorbereitet und von allen Teilnehmern die Zustimmung eingeholt werden. Da dies im Vorfeld versäumt wurde, war meine Teilnahme nicht möglich.

Stattdessen hatte ich die Möglichkeit, mit Stephan Sommer und Jana Berg an einem Erst-Gespräch mit einem Täter im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs teilzunehmen.

Es ging in dem Fall um eine Auseinandersetzung zwischen syrischen und türkischen Jugendlichen, bei der auch ein Messer im Spiel war. Verletzt wurde bis auf kleine Platzwunden anscheinend niemand. Von keiner der beiden Seiten wurde Anzeige erstattet, sondern von der Polizei, da diese bei Körperverletzungen dazu verpflichtet ist.

Bei dem Täter, der zu dem Gespräch kam, handelte es sich um einen siebzehnjährigen Syrer. Er machte nicht den Eindruck, generell gewalttätig zu sein und war auch weder vor noch nach der Auseinandersetzung polizeilich auffällig. Er hatte den Vorfall mehr oder weniger schon vergessen und wusste gar nicht so recht, wozu er überhaupt da war. Wenn ein Täter-Opfer-Ausgleich in einem solchen Fall Sinn macht, dann damit die Täter merken, dass sie im Fokus der Justiz stehen. Dann sollten die Gespräche aber deutlich zeitnaher stattfinden.

Am Vormittag des dritten Tages habe ich an einer Dienststellenbesprechung der Abteilung Mediation teilgenommen. Teilnehmer waren der Abteilungsleiter Franz Bergschneider sowie die Fachbereichsleiter Dr. Silke Fiedeler aus Duisburg und Josef Oeinck aus Gelsenkirchen.

Den Erfolg im Bereich TOA zu messen ist schwierig. Hier geht es eher um weichere Faktoren wie Minderung der Rückfallgefahr, Wohlbefinden der Opfer, Entlastung der Justiz.

Auch im Bereich der Mediation liegt der Ansporn der Mitarbeiter darin, Frieden zu schaffen und die Gesellschaft vor weiteren Taten und den Tätern zu schützen. Ich hätte eher gedacht, dass der Ansporn in allen Bereichen wäre, aus einem schlechten Menschen einen guten Menschen zu machen.

Bei der Dienstbesprechung wurde deutlich, dass die Fachbereichsleiter immer weniger der eigentlichen Tätigkeit nachgehen, sondern mehr Zeit mit Themen wie Verwaltung, Statistiken, Führung und Projektakquise verbringen.

Auch wurde deutlich, dass die Verwaltung nicht state of the art arbeitet. Es gibt kein funktionierendes EDV-System für Antragstellungen, Nachverfolgung und Statistikmeldungen und keine Standards für Auswertungen. Man befindet sich gerade in der Phase der Organisationsentwicklung.

Da in der Besprechung thematisiert wurde, dass die Staatsanwaltschaften zu wenig Fälle beauftragen würden, habe ich den Vorschlag unterbreitet, mit den Staatsanwaltschaften Meinungsforen durchzuführen, um auf die Vorteile der TOAs nachhaltig hinzuweisen: Opfern wird geholfen, es entstehen geringe Kosten und durch die Minderung der Rückfallgefahr wird die Justiz entlastet.

Die finanziellen Mittel sind sehr knapp. Es gibt Fallpauschalen, die häufig bei Weitem nicht ausreichen. Finanzierung ist ohnehin schwierig: Es gibt z. B. einen Haushalt für 200 Fälle, abgeleitet aus dem Vorjahr. Werden dann aber nur 150 Fälle bearbeitet, muss das Geld für 50 Fälle zurückgezahlt werden. Im Folgejahr gibt es dann vielleicht wieder 200 Fälle, es werden aber nur 150 bezahlt. Und so gibt es einen ewigen Teufelskreislauf und keiner weiß, wie es weitergeht. Einerseits gibt es unbezahlte Mehrarbeiten, andererseits die ständige Sorge um den Job.

Nachdem am Vormittag die Therapiegruppe für mich ausgefallen war, wurde mir angeboten, am Donnerstag an einer Sitzung mit einem „Kernpädophilen“ teilzunehmen. Das hört sich richtig spannend an. Ich kann es kaum abwarten, habe aber auch Bedenken, was mich da erwartet.

Nachmittags habe ich an zwei TOA-Gesprächen teilgenommen. Einmal mit einem Täter, der eine Schlägerei angezettelt, und einmal mit jemandem, der zusammen mit einem Freund zwei Frauen überfallen hat.

Die Täter schämen sich ihrer Taten, wussten gar nicht, was sie anrichten, stehen zu den Taten und akzeptieren auch die Strafe. Man hat es hier anscheinend nicht mit den „richtig harten Jungs“ zu tun, denn die kommen gar nicht zu den Täter-Opfer-Ausgleich-Gesprächen.

Aus meiner Sicht macht der TOA viel Sinn. Den Täter in den Knast zu schicken ist die schlechteste Alternative: Der Täter sucht sich bis zum Knastantritt, und das kann lange dauern, keine Arbeit, weil es sinnlos ist. Für die Gesellschaft ist Knast ein sehr teures Vergnügen. Die Täter werden aber dadurch statistisch belegbar keine besseren Menschen, sondern die Rückfallgefahr ist dann deutlich erhöht.

Am vierten Morgen meines Kurzwechsels besuche ich im Bereich Straffälligenhilfe die Jugendarrestanstalt (JAA) in Lünen. Jugendarrest ist eine Vorstufe zum Jugendstrafvollzug.

Hier sitzen Täter im Alter von 15-21 Jahren, die leichte bis mittelschwere Straftaten begangen haben. Das fängt an bei Schuleschwänzen und Schwarzfahren und geht bis zu schwerem Raub. Der Arrest dauert maximal vier Wochen, Minimum sind zwei Tage. Viele sitzen wegen Nichterfüllung von Auflagen ein, das heißt, sie haben ein fälliges Bußgeld nicht bezahlt. Die Jugendlichen kommen meist aus unsicheren Umfeldern und sind häufig Missbrauchsopfer.

Henning Langer, der Übergangsmanager in der JAA, zeigt mir die gesamten Räumlichkeiten der JAA. Kein Ort, an dem man gerne längere Zeit verbringt. Die Arrestanten langweilen sich den ganzen Tag und dürfen sich tagsüber nicht einmal auf das Bett legen.

Viele Jugendliche sind überhaupt das erste Mal von zu Hause weg. Im Arrest tun sie dann häufig noch cool, aber spätestens im Gespräch mit Herrn Langer brechen viele ein, fangen an zu weinen und rufen die Mama an. Die JVA-Beamten sind teilweise unnötig hart im Umgang mit den Insassen.

Herr Langer selber sieht den Arrest durchaus kritisch und glaubt nicht, dass dieses Instrument jedem Jugendlichen hilft. Sein Anliegen ist es, die Jugendlichen in einer schweren Zeit zu unterstützen und auf die Zukunft vorzubereiten.

Er arbeitet so, wie vermutlich die meisten Sozialarbeiter, nicht überwiegend des Geldes wegen, sondern um den Jugendlichen eine Perspektive nach dem Arrest zu geben.  Dies gilt nicht nur für Herrn Langer, sondern für alle Mitarbeiter der Brücke. Die Mitarbeiter haben durchweg eine sehr hohe Identifikation mit ihrer Tätigkeit.

Als Nächstes kommt die Therapiesitzung mit dem „Kernpädophilen“. Ruth Habeland, die behandelnde Therapeutin, klärt mich vorab auf: Ein Kernpädophiler ist jemand, der nur auf kleine Kinder steht und an Erwachsenen überhaupt kein Interesse hat.

Die Vorgeschichte ist spektakulär und erschreckend zugleich.

Was kommt da gleich für ein Mensch zur Tür rein?

Vom äußeren Erscheinungsbild total normal. Auch die Therapiesitzung läuft wie ein ganz normales Gespräch. Man hat nie den Eindruck, es mit einem Pädophilen zu tun zu haben. Auch dieser Täter, dem man die höchstmögliche Strafe wünscht, ist zu einem sehr großen Teil ein normaler Mensch, der selber Opfer ist und lernen muss, sich gesetzestreu zu verhalten.

Mein letzter Tag beginnt mit einer Jubiläumsfeier zum 25-jährigen Bestehen des sozialpädagogischen Nordstadtprogramms. Professor Staubach präsentiert einen Rückblick auf das Programm. Spannend finde ich den Vortrag von Professor El-Mafaalani. Der stellt die These auf, dass die erfolgreiche Arbeit der Sozialarbeiter in dem Programm die Situation in der Nordstadt verschlimmert: Alle die, aus denen etwas wird, so seine Hypothese, verlassen die Nordstadt und es bleiben nur die, aus denen nichts wird. Die These scheint plausibel, die Frage ist nur, was man dagegen tun soll? Nach Ansicht von Professor El-Mafaalani muss man nun auch Programme auflegen, welche die Ausgebildeten zum Bleiben bewegen.

Im Anschluss habe ich einen langen Austausch mit Peter Finkensiep. Wir haben  zwar jeden Tag eine Reflexion durchgeführt, wollen das aber am letzten Tag nochmal intensiv tun.

Außerdem erklärt mir Herr Finkensiep die Finanzierungsstrukturen „Der Brücke“ und mit welchen Problemen er in der Verwaltung zu kämpfen hatte. Hier kann ich ihm ein paar Anregungen geben.

Insgesamt war die Woche für mich ein voller Erfolg.

Ich habe ausschließlich freundliche Menschen kennengelernt, die sehr offen und immer hilfsbereit waren. Vielen Dank dafür.

Diese Menschen arbeiten alle aus dem inneren Antrieb heraus, anderen - Tätern, Opfern oder der Gesellschaft insgesamt – helfen zu wollen. Dabei nehmen sie es in Kauf, in einem unsicheren Umfeld zu agieren, deren finanzielle Umstände der Willkür der Legislative, Judikative und Exekutive ausgesetzt sind. Von dieser Identifikation mit der Arbeit kann man viel lernen.

Die für mich wichtigste Erkenntnis ist jedoch, dass man einen Menschen immer als Ganzes betrachten sollte. Wenn man Geschichten über die Taten eines Menschen hört, bildet man sich sehr schnell ein Urteil. Doch man sollte immer den gesamten Kontext betrachten und den Menschen selbst kennenlernen, bevor man urteilt. Ich werde auch zukünftig das Verhalten von Pädophilen verabscheuen, weiß aber, dass da ein Mensch hintersteht, der selber leidet und dem geholfen werden muss. Und die Extrembeispiele der Pädophilen oder auch der Roma, die beide von nahezu allen Menschen verachtet werden, lehren, dass man bei allen Menschen immer auch das Gute beachten muss.

Ich hoffe, dass ich durch die Anregungen, die ich Peter Finkensiep zu den Abläufen in der Verwaltung gegeben habe, ein bisschen von dem zurückgeben konnte, was mir die Menschen des Vereins „Die Brücke Dortmund e. V.“ gegeben haben.

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