Soziales Engagement

Erfahrungsbericht Jürgen Steffens

Erfahrungsbericht von Jürgen Steffens
Leiter Vertrieb Apotheke

Friederike-Fliedner-Haus in Dortmund-Hörde

1. Tag, 20.11.06

Der Start in die gänzlich ungewohnte Arbeitswelt beginnt um 08:00 Uhr im Friederike-Fliedner-Haus in Dortmund-Hörde. Es handelt sich hierbei um eine Rehabilitationseinrichtung des Diakonischen Werkes der Vereinigten Kirchenkreise Dortmund und Lünen und soll Menschen mit einer psychischen Krankheit den Weg zurück ins Alltagsleben eröffnen.

Der Kreis der Therapeuten, Sozialpädagogen und Ökotrophologen trifft sich mit dem Arzt und der Hausleiterin zur Dienstbesprechung. Die Entwicklung einzelner Patienten, zu ergreifende Maßnahmen, bevorstehende Neuaufnahmen und der Rückblick auf das vergangene Wochenende sind Thema der Zusammenkunft.

Anfangs hatte ich das Gefühl, dass meine Rolle in dieser Runde nicht bekannt war. In einer kurzen Vorstellung habe ich meine Person vor-  und meine sonst übliche Rolle im Arbeitsleben dargestellt und die Ziele und Prinzipien des <kurz/wechsels> erläutert, so dass meine Position in dieser Besprechung als Zuhörer für jeden Teilnehmer nun klar war.

Mein erster Kontakt zu den Hausbewohnern fand dann in der Großküche statt. Hier wird mit Hilfe der Patient/Innen für das leibliche Wohl der Rehabilitierten gesorgt. Neben der Eigenversorgung gibt es eine Essensausgabe für Menschen aus der Maßnahme „Betreutes  Wohnen“ und einen Cateringservice für verschiedene Kunden. 35 Portionen Rote Grütze sollte ich zubereiten und habe dies dann auch mit Hilfe einer jungen Patientin bis mittags geschafft.

Danach ging es zu einem Termin nach Dortmund- Eving. Eine Patientin, die kurz vor der Entlassung aus der Rehamaßnahme steht, sollte sich zu einem Praktikum in der „Haltestelle“ im Fashion Second Hand Shop vorstellen. Die zuständige Sozialpädagogin fuhr mit mir in den Dortmunder Norden, um uns im o.g. Textilgeschäft mit der Leiterin Frau Schubert zu treffen. Auf dem Weg dorthin haben wir die angehende Praktikantin zuhause abgeholt.

Es war für mich eine interessante Erfahrung, wie Therapeuten und Patienten miteinander diese neuen Schritte auf dem Weg zurück in das Arbeitsleben gestalten:
Die Patientin, noch sehr unsicher ob dieser neuen Situation, wurde in jeder Phase des Gesprächs behutsam geleitet. Das Prinzip ohne, oder nur mit sanftem Druck die Rehabilitierten zu unterstützen wurde hier sehr deutlich. Am Ende stand dann die Zusage für ein Praktikum ab Anfang Dezember.

Am Nachmittag stand der nächste Termin auf dem Plan: Ein Aufnahmegespräch zwischen Hausleitung, Sozialarbeiter der Stadt Dortmund und einem psychisch kranken Patienten. Nach einer kurzen Vorstellung des FFH ermunterte Frau York-Malekrah den sehr verzweifelten Patienten behutsam zu einem kurzen Bericht über die Entwicklung seiner Krankheit. Nun war die Basis für das mögliche Therapieziel geschaffen. In Frage kommende therapeutische Maßnahmen, Aufnahmevoraussetzungen und die Übergabe von Informationsmaterialien mündeten in einer beiderseits zuversichtlichen Verabschiedung.

2. Tag, 21.11.06

Heute Morgen steht die Teilnahme an einer ergotherapeutischen Maßnahme auf meinem „Stundenplan“. Bis zum Mittagessen haben wir – das sind die Ergotherapeutin, ein Praktikant, der sich in der Ausbildung zum E. befindet und drei junge Rehabilitierte – nun Zeit einige Basteleien für einen anstehenden Adventsbasar in der Kontaktstelle in der Sternstr. (Martinsgemeinde) zu fertigen.

Es wurden Rentiere aus Holz ausgesägt, Glockenvorlagen gefertigt, sowie „Klammer-Engel-Figuren“ gebastelt, die dann am 7.12. auf dem Basar wohl feil geboten werden sollen. In einträchtiger, aber recht stiller Runde, erlangten die Bastelwerke erstaunlich gute, ja fast schon profihafte Qualität. Ein Tor ist, wer am 7. Dezember nicht seine Weihnachtsdekoration in der Sternstraße ersteht.

Nach dem Mittagessen hat Frau York-Malekrah einen Termin sowohl in der Kontaktstelle, als auch in der Tagesstätte in der Sternstr. vereinbart. Es handelt sich hierbei wiederum in beiden Fällen um Einrichtungen der Diakonie.

In der Kontaktstelle treffen sich psychisch kranke Menschen ohne Zwang auf freiwilliger Basis um miteinander zu kochen, zu klönen oder einfach nur, um den Tag in Gesellschaft zu verbringen. Ein Team aus Vollzeit-, Teilzeitkräften und „Ehrenamtlichen“ betreuen psychisch kranke Besucher von Montags bis Sonntags. Ohne Zwang, ohne Druck soll hier die Möglichkeit zu sozialen Kontakten und in gewisser Weise auch strukturierten Tagesabläufen angeboten werden.

Nebenan in der Tagesstätte wird eine befristete Anzahl von Klienten betreut. Die tägliche Anwesenheit ist hier verbindlich. Es handelt sich hierbei um eine so genannte teilstationäre Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Diesem Personenkreis wird in Zusammenarbeit mit den psychosozialen Fachdiensten bei der Bewältigung des Alltags geholfen. Eine selbstbestimmte Lebensgestaltung ist das Ziel dieser Maßnahmen.

3. Tag, 22.11.06

Morgens treffe ich mich mit Frau York-Malekrah am beruflichen Trainingszentrum in Dortmund. Das BTZ bietet seelisch behinderten Erwachsenen Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Ziel ist die Abklärung einer realistischen beruflichen Perspektive, die Stabilisierung und die Wiedereingliederung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Unsere Ansprechpartnerin Frau Strothmann erläuterte anschaulich die verschiedenen Angebote, wie kfm. Bereich, food service event (Küche J), handwerklicher Bereich (Holz, Stahl, Druck), sowie Gartengestaltung und Elektroinstallation. Der handwerkliche Bereich nimmt auch Auftragsarbeiten von außen an. Alle anderen Bereiche dienen der internen Bedarfserfüllung.

Nach diesem einführenden Gespräch stand dann der Rundgang durch die Einrichtung auf dem Programm. Büroräume, Schulungsräume, Werkstätten, Küchenbereich, Außenanlagen sind beeindruckend gut ausgestattet und gepflegt. An verschieden Arbeitsplätzen wurden Teilnehmer/Innen der Maßnahme angeleitet und so in kleinen Schritten auf ihre berufliche Eingliederung vorbereitet. Alles in allem eine Vorzeigeeinrichtung, die erfolgreich im Gesamtkonzept der Betreuung psychisch kranker Menschen eingegliedert ist.

Für den Rest des Vormittages standen wieder vorweihnachtliche Bastelarbeiten in der Holzwerkstatt auf meinem Stundenplan.

Am Nachmittag hatte ich dann die Gelegenheit an der Visite der Ärztin des Fliedner-Hauses teilzunehmen. Frau Dr. Osterfeld hatte mit den Rehabilitierten des Hauses „Sprechstunde“, um kurz auf medizinische und befindliche Veränderungen und Entwicklungen einzugehen. Jede(r) Teilnehmer/In der „Sprechstunde“ konnte natürlich selbst entscheiden, ob ich dabei sein durfte und wurde vor dem Gespräch darauf hingewiesen. Übrigens hat mich dann niemand vor die Tür geschickt. Die Schweigepflicht verbietet mir Einzelheiten über die Gespräche weiter zu geben, aber ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass es für mich ein sehr interessanter und beeindruckender Termin war.

4. Tag, 23.11.06

Heute Morgen hatte ich einen Termin in Dortmund-Hörde bei der Stelle für betreutes Wohnen des Diakonischen Werkes. Der Zivildienst Leistende in dieser Einrichtung hatte mich nach kurzer Begrüßung in den Ablauf des Vormittages eingewiesen: Ab 09:00 Uhr Treffen mit einer Kontaktgruppe psychisch kranker Menschen im Café Klatsch in Hörde. Danach ein Informationsgespräch mit Herrn Langhorst (stellv. Leiter der Einrichtung) über Aufgaben und Abläufe.

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten wir dann kurz nach neun das „Café Klatsch“. Es handelt sich hierbei um ein öffentliches Café, in dem der Kontaktclub seit einiger Zeit einen Stammtisch eingerichtet hat. An diesem Donnerstag herrschte trübes, regnerisches Herbstwetter, so dass sich nur zwei Teilnehmer zur gemütlichen Runde eingefunden hatten. Die eigentlich zuständige Betreuerin war leider krankheitsbedingt nicht anwesend, wurde aber durch eine Praktikantin vertreten.

Während der ca. zwei Stunden wurden verschiedene Themen des täglichen Lebens und Erlebens behandelt: Mehr oder weniger intensiv wurden Gedanken ausgetauscht, Horoskope gelesen, Tee und Kaffee getrunken und geraucht, dass man ohne Nebelhorn die Orientierung verloren hätte.

Zurück in den Büroräumen in der Bahnhofstr. hatte ich dann noch ein längeres und interessantes Gespräch mit Herrn Langhorst über die Aufgaben und tägliche Arbeit der Mitarbeiter/Innen dieser Einrichtung. Ich erfuhr, dass von dieser Stelle psychisch/seelisch kranken Menschen betreut werden, die überwiegend in einer eigenen Wohnung leben und im Schnitt ein Mal pro Woche von Ihren Betreuer/Innen besucht werden. Sei es, um Hilfestellungen zu geben, Gespräche zu führen, die Ordnung in der Wohnung zu prüfen oder einfach nur Gesellschaft zu leisten.

Nachmittags war ich zur großen Dienstbesprechung im Fliednerhaus eingeladen. Wie bei solchen Veranstaltungen üblich, treffen sich die verantwortlichen Mitarbeiter/Innen, um in gemeinsamer Diskussion Themen der Tagesordnung abzuarbeiten. Es ging hierbei einerseits um die Entwicklung und die zukünftigen Pläne der Rehabilitierten, als aber auch um Probleme des täglichen Dienstablaufs, Feiertagsplanungen, geplante öffentliche Aktionen usw. Eben alles, was der Betrieb einer solchen Einrichtung mit sich bringt!

5. Tag, 24.11.06

Am Vormittag wurde ich als Küchenhilfe für die Vorbereitung der Wochenendversorgung eingesetzt. Unter Anleitung der zuständigen Ökotrophologinnen waren die verschiedensten Zutaten zusammen zu stellen, Gemüse zu putzen und klein zu schneiden, eine Gemüsepizza zu belegen, Paprika zu füllen usw.

Um ca. 10:00 Uhr kam der LKW mit frischen Lebensmitteln, die aus den Gitterwagen ausgeladen und in die Vorratsräume eingelagert wurden. Insgesamt herrschte in diesem Vormittagsstunden Hochbetrieb im Küchenbereich, so dass sich die eingesetzten Rehabilitierten über fehlende Arbeit nicht beklagen konnten.

Für mich war der Einsatz allerdings um 10:30 Uhr beendet, da ich zu einem Außentermin im Ergotherapie Zentrum in Dortmund-Aplerbeck eingeladen war.

Dort ging es um ein Abschlussgespräch mit einem jungen Patienten, der ab Anfang Dezember zu einer vorbereitenden Ausbildungsmaßnahme in das Christliche Jugenddorf ( CJD ) nach Dortmund-Oespel wechseln sollte.

Anschließend an das Mittagessen hatte ich dann die Gelegenheit beim Cogpack teilzunehmen. Cogpack ist die Bezeichnung für ein neuropsychologisches kognitives Trainingsprogramm, das als Software an den Computerarbeitsplätzen im Besprechungsraum zur Verfügung steht. Unter Anleitung eines Ergotherapeuten trainieren die Rehabilitierten Auffassungsgabe, Konzentration, Geschicklichkeit usw. anhand von Übungsaufgaben, die am Bildschirm gelöst werden müssen.

Damit war es nun Freitagnachmittag geworden und das Ende meines <kurz/wechsels> stand kurz bevor. Frau York-Malekrah hatte an diesem Freitag einen Außendiensttermin, so dass ich mein letztes und abschließendes Gespräch mit Frau Qednau geführt habe.

Für beide Seiten ging nun eine spannende Woche zu Ende, aber besonders für mich war dieser <kurz/wechsel> eine sehr interessante Abwechslung in meinem Arbeitsalltag. Einerseits die Möglichkeit in die Arbeitsabläufe dieses doch gänzlich anderen Berufsfeldes zu sehen, aber vor allem die Erfahrung im Umgang mit den Rehabilitierten sind ein reicher Erfahrungsschatz, von dem ich hoffentlich noch lange zehren kann. Die Zeit mit den netten Menschen im Friederike-Fliedner-Haus wird für mich unvergessen bleiben.

Abschließend möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Diakonischen Werkes bedanken, die neben ihrer normalen Tätigkeit immer wieder erklärende Worte und Zeit für mich hatten, um mir einen Einblick in ihre Arbeit zu geben. Mein besonderer Dank gilt Frau York-Malekrah und Ihrem Team aus dem Friederike-Fliedner-Haus.

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