Soziales Engagement

Erfahrungsbericht Christine von Reibnitz

Erfahrungsbericht von Christine von Reibnitz
Leiterin Krankenkassenmanagement

Nachtcafé einer Obdachloseneinrichtung in Berlin Friedenau

Seit 20 Jahren helfen Ehrenamtliche dabei, Menschen ohne Obdach über den Winter zu bringen. Im Nachtcafé "Zum Guten Hirten" bieten sie zwischen Oktober und April Übernachtungsmöglichkeiten - Abendessen und Frühstück inklusive.

Mein Kurzwechsel begann in den kalten Tagen Mitte Januar 2015. Das Nachtcafé ist in den Monaten November bis März die wichtigste Adresse für einige Menschen ohne Obdach. In den Räumen der evangelischen Kirchengemeinde "Zum Guten Hirten" können bis zu 18 Leute übernachten und sich mit warmen Speisen aufwärmen. In den vier Nächten von Montag bis Donnerstag öffnet das Café um 21.30 Uhr. Mit innerer Spannung beginne ich meinen ersten Einsatz Montagabend um 20:30 und finde bei meiner Ankunft bereits 15 Menschen auf der Straße vor dem Eingang des Nachtcafés in der Kälte darauf wartend, dass dieses die Pforten öffnet. Schon mehrere Stunden zuvor sitzen diejenigen, die hier unterkommen wollen, im Treppenhaus. Hier geht es nach dem Prinzip: Wer zuerst kommt, malt zuerst… Mit dem Ausharren im Hausflur sichern sich die Wohnungslosen also ihren Schlafplatz, denke ich. Mit 18 Plätzen ist diese Einrichtung vergleichsweise klein. Im Unterschied zu größeren Einrichtungen gibt es beim "Guten Hirten" auch keine Duschen und nur eine sehr kleine Kleiderkammer. Gerade wegen der überschaubaren Größe wird das Angebot des Nachtcafés aber gern angenommen. Meine Befürchtung, dass in einer Notübernachtung der Ton unter den Gästen oft rauer ist, hat sich nicht bestätigt. In den meisten Nächten geht es da schon fast familiär zu.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter beginnen jeweils um 20:30 und bereiten die Räumlichkeiten für das Abendessen und die Nacht vor. Aus der Gemeinde bringt täglich jemand einen großen Topf Suppe, der erwärmt und ausgegeben wird. Dazu erhalten die Menschen Brot, auch oft aus Spenden der umliegenden Bäckereien und Supermärkte, sowie Wurst, Käse Butter und Joghurt. Alkohol ist in den Räumen verboten und die Gäste erhalten Tee und abends koffeinfreien Kaffee. Um 24:00 werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter von zwei Honorarkräften abgelöst, die dann bis morgens um 5:30 dort bleiben, wenn wieder ein Ehrenamtler zur Ablösung kommt. Die wenigsten Mitarbeiter sind ausgebildete Fachkräfte oder Sozialarbeiter. Jung und Alt, studentische Honorarkräfte, alles Leute mit Herz und gesundem Menschenverstand. Jeweils zwei Mitarbeiter sind anwesend, bieten neben Bewirtung und Zuteilung der Schlafplätze auch Zuwendung durch Zuhören und Gespräche an. Einige Ehrenamtliche wirken mehr im Hintergrund: Sie kaufen Lebensmittel ein, kochen warme Suppen, managen Dienstpläne, übernehmen Verwaltungsaufgaben, betreuen Spender. Im Nachtcafé braucht es vor allem Einfühlungsvermögen und Empathie. Das Angebot hier in diesem Nachtcafé ist niedrigschwellig, d.h. niemand wird abgewiesen, egal ob er betrunken, überaus schmutzig oder auffällig krank ist. Es gibt keine Personalkontrolle. Ich kenne, wenn überhaupt, nur die Vornamen. Hier fragt niemand nach einem Ausweis. Sind die Plätze belegt, vermitteln die Mitarbeiter die Gäste an andere Nachtcafés oder Notübernachtungen weiter. Natürlich fällt das Weiterleiten in tiefer Nacht und Kälte besonders schwer. Die Menschen kommen über Mundpropaganda, die Bahnhofsmission oder das Kältetelefon, die Zentralstelle der Berliner Kältehilfe. Und diejenigen Menschen, die selbst nicht mehr in der Lage sind zu kommen, werden durch den in der Stadt herumfahrenden Kältebus der Stadtmission aufgesammelt und vorbeigebracht.

Die Menschen schlafen auf Isomatten, aber warm und trocken. Das hat mich an so manchem Abend dort nachdenklich gemacht. „Was passiert, wenn mehr Gäste vor der Tür stehen, als Schlafplätze vorhanden sind? Was tust Du dann? Wonach kann man entscheiden, wer Einlass erhält und wen man wegschicken muss?“ Diese Situation ist mir in der Woche erspart geblieben.

Die Gäste, denen ich in meiner Woche begegnete, waren so unterschiedlich, wie ich mir das im Vorfeld nicht habe denken können. Ich traf osteuropäische Menschen, die wohl Arbeit hatten, aber nicht genug verdienen, um eine Pension oder ähnliches bezahlen zu können, andere Menschen wiederum, die nichts mehr hatten und mit einer Plastiktüte jeden Abend vor der Tür standen sowie auch Gäste, die nur kurz kamen, um einen Teller Suppe und einen Becher Tee abzuholen, um dann wieder weiterzuziehen.

Meine Vorstellung von den Menschen, die in einem Nachtcafé Zuflucht vor der Kälte suchen, hat sich in diesen Tagen geändert. Der Blick ist offener geworden, wer in unserer Gesellschaft Hilfe benötigt und was es heißt niedrigschwellig Hilfe anzubieten. Die Biografien und Beweggründe, warum Menschen so leben, sind vielschichtig und vorurteilsbehaftet. So erlebte ich an einem Morgen auch, dass ein Gast beim Frühstück sagte, „Wie gut, dass es bald Frühling wird und ich wieder auf die Straße kann“. Andere Gäste waren auch mit dem angebotenem Essen und Komfort nicht zufrieden und schimpften darüber, brachten sogar eigenes Essen mit. Andere wiederum waren so dankbar, dass sie sich gleich bei jeder Begegnung bedankten. Eindrücklich war auch die abendliche Kleiderkammer, wo sich die Gäste Bettwäsche, Handtücher und saubere Kleidung abholen. Bettwäsche und Handtücher sind Pflicht für alle, die Kleiderausgabe wurde sehr unterschiedlich in Anspruch genommen.  Wenn die Gäste abends nach dem Abendbrot die Tische zusammengestellt, die Isomatten ausgerollt und Decken bezogen hatten und die Nachtruhe begann, haben wir säckeweise gespendete Wäsche nach Größen und „Geschlecht“ in ein Regal sortiert, , eingeräumt, Schuhe einsortiert und Materialspenden versorgt. Manchen Augenblick habe ich gestutzt, was alles in den Kleiderspenden zu finden war, von fast neuen Kleidungsstücken bis hin zu abgetragenen Pullovern und Strümpfen.

Alles kann gebraucht werden, und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn ich ein passendes Kleidungsstück für einen bedürftigen Gast finden konnte. Auch mit  Kopfschmerztabletten und Pflastern für die Wundversorgung konnte ich manchen guten Dienst tun.

Um 24:00 war mein Nachtdienst zu Ende. Ich ging voller Eindrücke nach Hause und fiel meistens auch todmüde ins Bett, um gegen 4:00 wieder aufzustehen und den Morgendienst im Nachtcafé anzutreten. Um 5:00 traf ich dort wieder ein.Im Wohnungsflur saßen schon die ersten Gäste und rauchten, passierten das Bad, den morgendlichen Engpass dort. In der Küche begann ich Kaffee zu kochen, Geschirr für das Frühstück hinzustellen, usw. Eine große Herausforderung war das morgendliche Wecken um 6:30 in den beiden Schlafräumen. Kurz die Tür öffnen, den Kopf hereinstecken und die Gäste für den neuen Tag begrüßen. Die Gerüche, die mir dort entgegenkamen, waren streng und ich war froh, danach wieder in die Küche zu „entfliehen“. Gegen 7:00 waren in den Schlafräumen die Fenster geöffnet, gelüftet und  die Isomatten eingerollt worden, die Tische wieder an ihren Plätzen und ich konnte die Frühstückstabletts bringen und die Tische decken. Mancher Gast saß dann schon und wartete durstig auf den ersten Kaffee.

Bevor die Gäste um 7:30 das Nachtcafé verlassen müssen und einen neuen Tag auf der Straße beginnen, verabschieden sie sich und kündigen in den meisten Fällen ihren abendlichen Besuch wieder an. Manche der obdachlosen Menschen sieht man nur einmal, andere kennt man dort seit Jahren. In der persönlichen Begegnung höre ich von manch turbulentem Lebensweg. Erahnen lässt bei dem einen oder anderen der lange Kampf, dem Elend des Lebens auf der Straße zu entkommen. Häufiger ist aber die Begegnung mit jemand, der das Kämpfen schon lange aufgegeben hat.

Ich gehe an den ersten beiden Morgen mit gemischten Gefühlen nach Hause, der Kopf dreht sich in Gedanken um die Menschen, die den Tag auf der Straße verbringen: Wo mögen sie sitzen, wie begegnen ihnen andere Menschen und wen von ihnen treffe ich heute Abend wieder im Nachtcafé an? Was sind das für Menschen, die kommen? Menschen ohne Bleibe. Sie tragen ihr Hab und Gut bei sich, sind vom langen Tag müde und abgekämpft. An jedem Tag gibt es die gleichen Fragen: Wie komme ich über den Tag, wo finde ich einen sicheren Ort, wo bekomme ich etwas zu essen, wo kann ich trocken und warm schlafen? Die einen kommen mürrisch, wollen essen und schlafen, sonst nichts. Andere sitzen verschlossen da, wieder andere sind angespannt und laut. Der begrenzte Raum und die unterschiedlichen Toleranzgrenzen führen nicht selten zu aggressiver Gestimmtheit Einzelner. Streitschlichten und Grenzensetzen erforderte von mir Geschick und Einfühlungsvermögen – aber auch Spaß und gute Laune.

Die Jahreslosung für 2015 „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ - Römer 15, 7- wird in diesem Nachtcafe gelebt, eine für mich wertvolle und eindrückliche Erfahrung.

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